Editorial

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Die 24. Jahrestagung der Deutschen Adipositas-Gesellschaft in Freiburg liegt hinter uns. Es bleibt die Erinnerung an eine mit über 1.000 Teilnehmern sehr gut besuchte Veranstaltung, für die Professor Aloys Berg und sein Organisationsteam ein sehr ambitioniertes und überzeugendes Programm zusammengestellt haben. Über einige Aspekte der Tagung berichten wir im aktuellen Heft von AdipositasSpektrum. Einzelheiten zu organisatorischen Dingen, wie etwa den Ergebnissen der Mitgliederversammlung, finden Sie im nächsten Heft. Gut aufgenommen wurde unsere erneute Kongressausgabe, in der erstmalig auch die wissenschaftlichen Abstracts der Tagung veröffentlicht sind.

Wenige Tage nach der Freiburger Tagung wurde die Adipositas-Szene durch die Mitteilung der Europäischen Arzneimittelagentur (European Medicines Agency, EMEA) überrascht, die der EU-Kommission empfahl, das zeitweilige Ruhen der Zulassung von Acomplia® (Rimonabant) in der gegenwärtigen Indikation zur Behandlung adipöser bzw. übergewichtiger Patienten anzuordnen. Der Hersteller Sanofi Aventis teilte umgehend am gleichen Tag mit, dass dieser Aufforderung unverzüglich nachgekommen wird. Natürlich musste auch die Deutsche Adipositas-Gesellschaft hierzu Stellung nehmen, denn mit Rimonabant handelt es sich um eine der wenigen Optionen zur pharmakologischen Therapie der Adipositas, die auch in unseren aktuellen Leitlinien als Behandlungsalternative, bei nicht ausreichendem Erfolg der nicht-medikamentösen Therapie, genannt wird. Die Deutsche Diabetes-Gesellschaft hat sich mittlerweile unserer Stellungnahme angeschlossen, und auch die Leitlinie wird entsprechend modifiziert. Hintergrund für die Empfehlung war eine Neubewertung des Nutzen-/Risikoverhältnisses der Substanz im Hinblick auf mögliche psychiatrischen Nebenwirkungen. Über das Risiko von Depressionen, Angststörungen oder sonstigen Stimmungsveränderungen wurde seitens des Herstellers von Beginn an ausführlich informiert. Auch die Fachinformation zu Rimonabant wurde zwischenzeitlich angepasst. Insofern hätte eigentlich jedem Verordner klar sein müssen, dass es Kontraindikationen gibt, und dass die Substanz nicht für jeden Patienten geeignet ist. Auch ließ es das Nebenwirkungsprofil sinnvoll erscheinen, Patienten nach einigen Wochen unter der Behandlung nochmals einzubestellen, um die Verträglichkeit und natürlich den Effekt auf Körpergewicht und Stoffwechsel zu überprüfen. Wer das Präparat entsprechend der Fachinformation und den Leitlinien der Deutschen Adipositas-Gesellschaft eingesetzt hat, wird die Erfahrung gemacht haben, dass es sehr unterschiedliche Patiententypen gibt. Manche haben mit dem Präparat sehr gut abgenommen und über keine relevanten Nebenwirkungen geklagt, bei anderen stellte sich kein hinreichender Therapieeffekt ein, bei wieder anderen standen die Nebenwirkungen im Vordergrund. Jeder behandelnde Arzt hatte die Möglichkeit, hieraus seine Konsequenzen abzuleiten.

Wir lernen aus diesen Vorgängen, dass an die pharmakologische Therapie im Rahmen der Indikation Adipositas andere Maßstäbe angelegt werden als an andere Indikationen. Es wird das Ruhen der Zulassung eines Präparats empfohlen, weil Nebenwirkungen überwiegend bei solchen Patienten aufgetreten sind, die die Substanz eigentlich nicht hätten bekommen dürfen, oder weil die Therapie nicht adäquat überwacht wurde. Tatsache ist, dass viele Patienten von der Behandlung nicht profitierten und es insofern folgerichtig war, dass die Behandlung nach kurzer Zeit wieder abgesetzt wurde. Richtig ist aber auch, dass nunmehr für den Teil der Patienten, die von der Substanz zumindest kurz- und mittelfristig einen Nutzen hatten, diese nicht mehr zur Verfügung steht. Möglicherweise handelt es sich um das Ende einer kompletten Substanzgruppe, denn auch ein anderer Hersteller hat sein Entwicklungsprogramm für einen weiteren Endocannabinoidrezeptor-Antagonisten eingestellt. Am 05.11.08 teilte Sanofi Aventis mit, dass nunmehr auch das gesamte klinische Studienprogramm mit Rimonabant für alle Indikationen eingestellt wird. Insofern entfällt offensichtlich die Perspektive, dass nach dem Scheitern dieses Präparats zur Behandlung von Adipositas möglicherweise ein Neustart als Antidiabetikum möglich wäre. Es geht nicht darum, ernsthafte aufgetretene Nebenwirkungen zu verniedlichen. Es sollte nur an das ärztliche Bewusstsein erinnert werden, dass jede Pharmakotherapie mögliche Nebenwirkungen und Kontraindikationen hat, und dass es ärztliche Aufgabe ist, diese zu identifizieren und die Therapie entsprechend zu gestalten. Wenn die Möglichkeit des ärztlichen Handelns a priori beschnitten wird, kann dieses grundsätzlich nicht in unserem Sinne sein.

Herzliche Grüße
Ihr