Editorial
Liebe Leserinnen, liebe Leser!
Am Ende eines ereignis- und arbeitsreichen Jahres freuen sich viele von uns auf ein paar entspannte Tage fernab von Praxis oder Klinik. Andere treibt die Sorge um, wie sich die grundlegenden Änderungen im Gesundheitssystem im Jahr 2009 auf die eigene Situation und die Versorgung der Patienten auswirken werden. Hierüber können wir alle nur spekulieren, was uns wiederum mit denjenigen verbindet, die den Gesundheitsfonds entworfen haben, bzw. mit jenen, die alle neuen Vorgaben der Finanzierung unseres Gesundheitssystems umsetzen müssen. Die größte Nervosität ist momentan bei den Krankenkassen zu spüren. Ob zu Recht, wird sich im Verlauf des nächsten Jahres zeigen. Bisweilen nervös reagieren Kostenträger auch auf das Thema Adipositaschirurgie, dem wir uns in diesem Heft von AdipositasSpektrum widmen. Das von Professor Rudolf Weiner und seinem Team exzellent organisierte 5. Frankfurter Meeting bot eine hervorragende Gelegenheit, sich über alle relevanten Themen rund um die interventionelle Therapie von Adipositas, bzw. die metabolische Chirurgie zu informieren.
Die Frage, ob sich Adipositaschirurgie langfristig für die operierten Patienten auszahlen kann, wurde in der jüngeren Vergangenheit nicht zuletzt durch die Daten der SOS-Studie überzeugend beantwortet. Zu der Frage, ob sich die chirurgische Intervention auch für unser Gesundheitssystem rechnet, gibt es weiterhin kontroverse Ansichten. Insofern gibt es weiterhin eine Vielfalt von Entscheidungen und Begründungen, wenn es um die Kostenübernahme für die chirurgische Adipositastherapie geht. Es wäre zu begrüßen, dass baldmöglichst auch in Deutschland zu diesem Thema interdisziplinär erstellte, Evidenz-basierte Leitlinien vorliegen, auf die sich die Entscheidungen des MDK oder der Gerichte beziehen können. Wichtig ist allerdings, dass diese Leitlinien nicht nur die Chirurgie auf die vorhandene Evidenz reflektieren, sondern auch anderer konservativ tätigen Berufsgruppen, die insbesondere in die Auswahl und Nachbetreuung chirurgisch behandelter Patienten eingebunden sind.
Während trotz aller Widerstände sich die Adipositaschirurgie weiterhin im Aufwind befindet, bläst der pharmakologischen Adipositastherapie der Wind kräftig ins Gesicht. Wir berichteten in der letzten Ausgabe von AdipositasSpektrum zunächst über ein Ruhen der Zulassung von Rimonabant. Mittlerweile gilt es, über das wahrscheinliche Ende einer kompletten Substanzgruppe der CB1-Antagonisten zu berichten. Die Firma Sanofi-Aventis sah sich gezwungen, das laufende Studienprogramm mit Rimonabant mangels Perspektive für verwertbare Ergebnisse komplett zu terminieren. So wurde von den zuständigen Behörden die faire Chance verweigert, Sicherheit und Wirksamkeit einer Substanz in einer Langzeitstudie zu dokumentieren. Auch die Firmen MSD und Pfizer haben die Studienprogramme zu ihren jeweiligen CB1-Antagonisten komplett eingestellt. Bei den Firmen setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Indikation Adipositas für eine Pharmakotherapie extrem schwierig ist. Dieses ist naturgemäß wenig förderlich für die Entwicklung neuer Behandlungsalternativen. Wir haben ohnehin diesbezüglich in den nächsten Jahren wenig zu erwarten, mit Ausnahme weiterer GLP-1-Analoga/-Mimetika, bei denen die Gewichtsabnahme ein Nebeneffekt zur Hauptwirkung der Blutzuckersenkung ist. Auch in der mittelfristigen Zukunft von drei bis sechs Jahren ist ein Durchbruch in der Pharmakotherapie von Adipositas extrem unwahrscheinlich.
Im November 2009 werden wir erstmals unsere Jahrestagung gemeinsam mit der Herbsttagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) abhalten. Als gewählter Tagungspräsident der DAG freue ich mich sehr, Sie nach Berlin einladen zu dürfen. Sie erwartet ein Kongress mit einem bunten interdisziplinären Programm, das neben vertrauten Themen aus allen Bereichen rund um die gesamte Erforschung, Prävention und Therapie von Adipositas auch einige Neuerungen bieten wird. Es lohnt sich auf jeden Fall, bereits jetzt die Zeit vom 5. bis 7. November 2009 im Kalender für das nächste Jahr unter dem Stichwort „Berlin“ vorzumerken. Die gemeinsame Tagung mit den Kolleginnen und Kollegen der Diabetologie bietet allen Beteiligten die Chance, miteinander ins Gespräch zu kommen und voneinander zu lernen. Sehr aufmerksam haben auch viele aus der Adipositasszene die Neugründung von diabetesDE als neuer übergreifender Organisation in der Diabetologie tätiger Ärzte und Schulungsberufe verfolgt. Die neue Dachorganisation soll zukünftig nicht nur alle in der Erforschung und Versorgung des Diabetes mellitus tätigen Berufsgruppen vertreten, sondern möglichst auch die Patienten einbinden und somit die Interessen der gesamten Diabetologie bündeln. Dahinter steht das Konzept, dass sich nur durch ein gemeinsames Auftreten, im Gegensatz zur bisherigen Aufsplitterung in eine riesige Zahl von einzelnen Organisationen, die Interessen der Diabetologie optimal vertreten lassen. Bis zum nächsten Herbst wird sich schon absehen lassen, inwieweit dieses Vorgehen auch für die Adipositas Vorbild sein kann bzw. inwieweit eine Einbindung des Themas Adipositas in diabetesDE sinnvoll erscheint.
Im Namen des gesamten Teams von AdipositasSpektrum wünsche ich Ihnen schöne Weihnachtsfeiertage und alles Gute für das Neue Jahr 2009.

