Editorial
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
Im November 2006 fand in Istanbul die Europäische Ministerkonferenz der WHO zur Bekämpfung der Adipositas statt. Es wurde eine Europäische Charta zur Bekämpfung der Adipositas verabschiedet. Hierin wird die Adipositas-Epidemie als eine der ernsthaftesten Herausforderungen für die Gesundheit der Europäer bezeichnet. Über eine Million Todesfälle pro Jahr in Europa seien auf Erkrankungen zurückzuführen, die mit dem Übergewicht assoziiert seien. Es wird das ehrgeizige Ziel formuliert, den Trend der steigenden Prävalenz von Adipositas aufzuhalten und spätestens bis zum Jahr 2015 umzukehren.
Viel ist in der Charta zum Thema Adipositas bei Kindern und Jugendlichen sowie zu Strategien zur Prävention von Adipositas die Rede, eher wenig zu dem großen Problem der Therapie bei manifesten Adipositas. Zwar heißt es: „Attention should also be continued to be focused on preventing obesity in people who are already overweight and thus at high risk, and on treating the disease of obesity”. Keine brauchbaren Hinweise, außer der Empfehlung zur Erstellung von Leitlinien finden sich jedoch darauf, wie denjenigen geholfen werden soll, die krankhaft adipös sind und nur geringe Chancen auf eine nachhaltige Gewichtsabnahme haben. Auch in der Pressemitteilung des Bundesgesundheitsministeriums sowie in den öffentlichen Statements der Staatssekretärin Marion Caspers-Merk, die Deutschland bei der Konferenz vertrat, finden sich überwiegend Aussagen zur Prävention.
Bemerkenswerterweise wird nicht eingegangen auf den in der Charta enthaltenen Satz: „Balance must be struck between the responsibility of individuals and that of government and society. Holding individuals alone accountable for their obesity should not be acceptable.“ Dieser Satz sowie vieles aus der Charta befinden sich im Widerspruch zur zuletzt wieder dokumentierten Sichtweise des Gemeinsamen Bundesausschusses und des Bundesgesundheitsministeriums, wenn es um die Erstattung von Medikamenten zur Behandlung des angeblich so großen Gesundheitsproblems Adipositas geht. Hier heißt es stets in den Begründungen, dass Arzneimittel zur Regulierung des Körpergewichts deswegen Lifestyle-Arzneimittel seien, weil ihr Einsatz im wesentlichen nur durch die private Lebensführung bedingt sei, nicht oder nicht ausschließlich zur Behandlung von Krankheiten diene oder bei kosmetischen Befunden angewandt würde, deren Behandlung in der Regel medizinisch nicht notwendig sei. Was denn nun? Entweder Sonntagsreden halten, wohlklingende Absichtserklärungen unterzeichnen und dann aber auch so handeln, d. h. die Bekämpfung von Adipositas unterstützen. Oder lieber einfach still sein und nur hinter vorgehaltener Hand zugeben, dass eigentlich allein der kurzfristige Einspareffekt von Relevanz ist, um den Druck im brodelnden Kessel des Gesundheitswesens nicht ins Unermessliche steigen zu lassen. Es wäre wohl naiv gewesen zu glauben, das Gesundheitsministerium entscheide sich für eine Erstattungsfähigkeit eines Medikaments wie Rimonabant, wenn am gleichen Tag viele Krankenkassen ihre Beitragserhöhungen verkünden und dieses unter anderem mit den steigenden Kosten für Arzneimittel begründen. Um nicht falsch verstanden zu werden: natürlich ist neben der Therapie auch die Prävention von Adipositas extrem wichtig, und darum stellen wir Ihnen in der aktuellen Ausgabe von AdipositasSpektrum ein beispielhaftes und preisgekröntes Präventionsprojekt für Kinder vor.
Professor Alfred Wirth hat sich in den vergangenen sechs Jahren als Präsident der Deutschen Adipositas-Gesellschaft um beides bemüht: die Wichtigkeit der Prävention von Adipositas zu betonen sowie gleichzeitig die Anerkennung von Adipositas als Krankheit zu fördern und die Möglichkeiten für eine erfolgreiche Therapie zu verbessern. Nach seinen beiden Amtszeiten als Präsident steht die Deutsche Adipositas-Gesellschaft weitaus besser da als vorher. Für seinen hohen und unermüdlichen Einsatz um die Belange der Deutschen Adipositas-Gesellschaft gebühren Professor Wirth großer Dank und sehr viel Anerkennung. Gleichzeitig gehen die besten Wünsche für eine erfolgreiche Arbeit in den kommenden drei Jahren an den neu gewählten Vorstand um den Präsidenten Professor Manfred Müller.
Im Namen des Redaktionsteams von AdipositasSpektrum wünsche ich Ihnen einen guten Start in ein hoffentlich erfolgreiches und gesundes Jahr 2007.
Herzliche Grüße
Ihr
PD Dr. med. Andreas Hamann
Chefredakteur von AdipositasSpektrum