Editorial

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

die gemeinsame Jahrestagung von Deutscher Adipositas-Gesellschaft und Deutscher Diabetes-Gesellschaft Anfang November in Berlin hat mit über 3.600 Teilnehmern die ursprünglichen Erwartungen der Organisatoren weit übertroffen. Großes Interesse herrschte insbesondere an den gemeinsamen Symposien von DAG und DDG zu allen Aspekten, die für die Behandlung von adipösen Patienten mit Typ-2-Diabetes Relevanz haben. Dieses reichte von der Ernährungsberatung über die Frage der Nachhaltigkeit von Therapiestrategien bis hin zur metabolischen Chirurgie. Das erstmalige Experiment einer gemeinsamen Tagung der beiden Fachgesellschaften wurde überwiegend als gelungen angesehen. Es ist sicher eine sehr gute Entscheidung von DAG und DDG, auch im November 2010 wieder eine gemeinsame Tagung im Berliner ICC abzuhalten. Die beiden Tagungspräsidenten, Herr Professor Dr. Joost für die DAG und Herr PD Dr. Lundershausen für die DDG, werden mit Sicherheit ein attraktives Programm zusammenstellen, auf das wir uns jetzt schon freuen können. Den Termin 4.-6.11.2010 können sich alle Interessierten bereits schon jetzt vormerken.

Eine wesentlich geringere Bedeutung als bei früheren Tagungen der DAG hatte in diesem Jahr die medikamentöse Adipositastherapie. Während auf früheren Tagungen oft mehrere Satellitensymposien zu den einzelnen Pharmaka stattfanden und das Thema auch im Hauptprogramm breite Resonanz fand, gab es in diesem Jahr wenig Neues auf diesem Gebiet. Dies hat sicher auch damit zu tun, dass weiterhin nur wenige Optionen für die Pharmakotherapie von Adipositas existieren. Inkretinmimetika, die bei vielen Patienten zu einer signifikanten Gewichtsabnahme führen, sind nicht für die Indikation Adipositas zugelassen, sondern nur für die Kombinationstherapie des Typ-2-Diabetes. Das große Interesse an dieser attraktiven Nebenwirkung der Inkretinmimetika wurde auch auf der Berliner Tagung deutlich. Eine Verordnung „off label“ in Abwesenheit eines Diabetes sollte jedoch strikt unterbleiben, nicht zuletzt aus Sorge vor Regressforderungen der Kostenträger. Noch zeichnet sich keine eindeutige Strategie ab, ob die Hersteller der beiden schon vorhandenen sowie der gegenwärtig noch in klinischer Erprobung befindlichen Präparate wirklich konsequent auch die Adipositas als mögliche Indikation neben dem Typ-2-Diabetes anstreben. Dieses könnte insbesondere in Ländern, wo die Erstattungsfähigkeit für Antiadiposita nicht gegeben ist, mit Schwierigkeiten bei der Verordnung einhergehen. Schon jetzt lässt die Begeisterung der Diabetologen für diese teuren Präparate viele Kostenträger und Aufsichtsbehörden mit der Stirn runzeln. Möglicherweise würde es sich als kontraproduktiv erweisen, jetzt auch noch die Indikation Adipositas anzustreben.
Der eigentlichen Pharmakotherapie von Adipositas könnte ein weiterer Rückschritt durch die Daten der SCOUT-Studien mit Sibutramin drohen. Die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA hat in Kenntnis der Daten aus dieser bisher unveröffentlichten Studie eine Sicherheitsüberprüfung für Sibutramin eingeleitet. In der SCOUT-Studie wurden überwiegend Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko behandelt, denen, entsprechend der in Deutschland vorhandenen Zulassung, das Präparat nicht verordnet werden sollte (z.B. nach Myokardinfarkt bzw. bei koronarer Herzkrankheit, bei pAVK oder nach Schlaganfall). Offensichtlich kam es im Verlauf der Studie bei dem Patienten unter Sibutramin häufiger zu kardiovaskulären Ereignissen (11,4 Prozent vs. 10 Prozent unter Placebo). Die mögliche Folgerung, dass Sibutramin bei der Studienpopulation zu einem erhöhten kardiovaskulären Risiko führte, könnte zu einer Neubewertung der Substanz mit eventuell drastischen Konsequenzen führen. Das Ergebnis bleibt abzuwarten.
Schon der Fall von Rimonabant zeigte jedoch, dass an eine medikamentöse Behandlung von Adipositas bei der Nutzen-/Risikobewertung recht hohe Maßstäbe angelegt werden. AdipositasSpektrum wird Sie über den weiteren Verlauf in dieser Angelegenheit informieren.

Mit herzlichen Grüßen
und den besten Wünschen für die Feiertage und das kommende neue Jahr 2010
Ihr